Ernst Sauer, Evang. Kirche Cölpin

Die Orgel in der Evangelischen Kirche zu Cölpin  wurde 1856 durch den Orgelbauer Ernst Sauer erbaut. Ernst Sauer, welcher in Schönbeck bei Friedland ansässig war und das Orgelbauerhandwerk als Autodidakt erlernte, hatte zu dieser Zeit bereits mehrere Instrumente im regionalen Raum geschaffen. Der historische Wert des vorliegenden Instruments besteht darin, dass die technische Funktion der Orgel durch Optimierungen in Ton – und Registertraktur aus den Erfahrungen vorhergehender Instrumente wesentlich verbessert wurde. Weiterhin kann man davon ausgehen, dass die Orgel noch unter der Mitwirkung von Wilhelm Sauer, der seinen eigenen Betrieb im Jahr 1857 in Frankfurt/Oder gründete, geschaffen wurde. Gerade darin lag für uns als Firma W. Sauer Orgelbau Frankfurt/Oder GmbH eine Verpflichtung und zugleich auch interessante Herausforderung.    

Aus historischen und sicher auch aus ökonomischen Gründen, übernahm Ernst Sauer das vorhandene barocke Orgelgehäuse zum Einbau seiner Orgel. Das einmanualige Orgelwerk wurde unter Vergrößerung des alten Gehäuses auf der Empore gegenüber dem Altar aufgestellt.

Zunächst wurde das Instrument demontiert und in unsere Werkstatt gebracht. Sämtliche Einzelteile wurden gereinigt und geordnet. Die noch vorhandenen Metallpfeifen wurden sortiert und den einzelnen Registern zugeordnet. Danach erfolgte eine genaue Mensuraufnahme. Bis auf den Prospekt wurden alle Metallpfeifen, wahrscheinlich aus Kostengründen, in allen Bestandteilen aus Zink gefertigt. Unter Verwendung der Original- und Mensuren aus Vergleichsorgeln wurden die fehlenden Metallpfeifenregister vollständig und originalgetreu rekonstruiert.


Die vorhandenen Holzpfeifen wurden ebenfalls zunächst sortiert und den einzelnen Registern zugeordnet. Fehlende und durch den überaus starken Wurmbefall nicht mehr zu rettende Holzpfeifen einzelner Register wurden nach Originalmensur rekonstruiert. Alle anderen Holzpfeifen wurden holztechnisch überarbeitet gegen Anobienbefall behandelt, defekte Verleimungen beseitigt und Spunde mit Filz und Leder abgedichtet.

Die Prospektpfeifen sind unter Verwendung der Originalmensuren des Mittelfeldes vollständig in 20 prozentiger Zinn-Blei-Legierung und nach barockem Vorbild rekonstruiert worden. So bildet das äußere Erscheinungsbild der Orgel mit barockem Gehäuse, Bekrönung der Türme und rekonstruiertem Prospekt jetzt wieder eine Einheit.

 
Die Windlade wurde gereinigt. sämtliche Pfeifenstöcke und Mechanikteile wurden zunächst ab- bzw. ausgebaut. Sämtliche Kegelventile (einschlagend) wurden ausgebaut, sind gereinigt und neu beledert worden. Deren stark oxydierte Führungsstifte wurden gesäubert und konserviert. Nachdem die Windlade frei lag, wurden große Risse im Fundamentbrett sowie in den Kanzellen ausgespähnt. Daraufhin wurden alle Bohrungen ausgegossen.

Die Dämme wurden dem Original entsprechend wieder beledert, alle Kegel wieder eingebaut, Filze, Lederscheiben und Kontermuttern ersetzt. Ventilwirtel wurden reguliert und Wellenrahmen und Wellen wieder eingebaut. Die Registerventile und Ventilplatten wurden überarbeitet und neu beledert, bevor auch sie wieder eingebaut wurden. Sämtliche ersetzten Schrauben wurden gebläut.

Die Rekonstruktion der Windanlage war durchaus eine besondere Herausforderung, da die Tretanlage bis auf den Lagerbalken nicht mehr vorhanden war und aus dem Nichts heraus rekonstruiert werden musste. Die vom Wurm ebenfalls stark angegriffenen Keilbälge wurden komplett zerlegt und dem Original entsprechend von Grund neu aufgebaut. Ein neuer Motor wurde in einen optisch zur restlichen Windanlage angepassten Motorschutzkasten installiert und über einen neu angefertigten Vollholzkanal mit der bestehenden Windanlage verbunden.

Die vorhandenen Mechanikteile, Stecher und Winkel der Ton- und Registertraktur wurden gründlich gereinigt und überarbeitet. Fehlende Teile wurden dem Original entsprechend ergänzt. Schon der optische Eindruck der Traktur machte im Gegensatz zu früheren Instrumenten Ernst Sauers eine deutliche Entwicklung erkennbar. Dieser Eindruck bestätigte sich während der Intonationsarbeiten. Zumindest die Tonmechanik funktioniert solide und zuverlässig. In der Registertraktur sind auch bei diesem Instrument noch konstruktive Schwachstellen zu bemerken, die ein nachhaltig gutes Funktionieren der Registereinschaltung ohne Eingriffe nicht gewährleistet hätten.

Im Bereich des Spieltisches wurde zunächst eine gründliche Reinigung durchgeführt, bevor der Wurm bekämpft und Furnierschäden ausgebessert wurden. Ein Registerknauf musste dem Original entsprechend rekonstruiert und die Klaviaturen grundständig überarbeitet werden. Dies bedeutete die komplette Erneuerung sämtlicher Filz und Lederteile, sowie das Reinigen, Richten und Fetten der stark korrodierten Führungsstifte. Auch die durch den Wurm fast ausgehöhlte Pedalklaviatur wurde grundständig überholt und eine neue, der Erbauerzeit des Instrumentes angepasste Orgelbank angefertigt.

Auch die Intonation der Orgel war eine spannende Aufgabe. Die Orgel war ca. 50 Jahre nicht spielbar. Einige wenige alte Dorfbewohner haben die Orgel noch gehört, bevor das Instrument wohlbemerkt durch Vandalismus bis zur Unspielbarkeit beschädigt wurde. Es gab seither keine funktionierende Balganlage mehr. Die meisten Pfeifen lagen über die Orgel verstreut, teilweise in mehrere Teile zerschlagen. Sie waren in einem derart schlechten Zustand, dass wahrlich kein Ton mehr zu entlocken war. Den Rest hat dann das Gewürm erledigt.

Anhand der sehr wenigen funktionierenden Holz- und Metallpfeifen rekonstruierten wir den Winddruck und die Stimmtonhöhe der Orgel. Insofern spannend, da sie ziemlich treffgenau sein musste. Die Metallpfeifen sind allesamt auf Tonlänge geschnitten. Darüber hinaus ist das Pfeifenmaterial derart spröde geworden, dass ein Kulpen der Zinkpfeifen zu deren Zerbersten geführt hätte. Wir haben also in Absprache mit dem zuständigen Orgelsachverständigen Zinn-Ansetzer eingelötet, um beim Stimmen der Pfeifen keinen größeren Schaden anzurichten.
 
 
Zusammenfassend ist an Windladenprinzip, Registern, Mensuren und vorgefundenen Tonstärken zu entnehmen, das Ernst Sauer ein zwar autodidaktischer aber durchaus innovativer Orgelbauer seiner Zeit war. Was uns heute als technisch teilweise ungeschickt gelöst oder klanglich ungewöhnlich disponiert erscheint, ist damals sicherlich experimentell erwachsen, war aber durchaus richtungsweisend und ideenstiftend für  regionale Orgelbauerkollegen, nicht zuletzt aber wegbereitend für seinen später berühmt gewordenen Sohn Wilhelm, der an diesem Projekt aller Wahrscheinlichkeit nach mitgearbeitet haben muss.
 

Disposition der Orgel:

Manual C - f3 Holz Metall noch erhalten

1. Principal 8'
2. Gedackt 8'
3. Viola di Gamba 8'
4. Gemshorn 4'
5. Hohlflöte 4'
6. Schweitzerflöte 4'
7. Octave 2'

Vacant

 

C-G
C-F3
C-G

C-f3
Gs-f3

Gs-f3
C-f3

C-f3
C-f3
C-G, Metallpfeifen ca 10 Stk.
ca 38 Stk.
C-G, Metallpfeifen ca 2 Stk.
ca 7 Stk.
ca. 30 Stk.
Ca. 15 Stk.
Pedal C- d1 Holz Metall noch erhalten
8. Subbaß 16'
9. Oktavbaß 8'
C-d1
C-d1
Metall ca. 15 Stk / C-Fs fehlt komplett
C-H (außer B) + 10 Stk.

 Spielhilefen: Tutti (lediglich Manualregister)

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